Chemische Kriegsführung in Bosnien?

In einer kurzen Diskussion zur derzeitigen internationalen Rolle Russlands kam es zu einen Schwenk zum Massaker von Srebrenica mit 8000 Toten. Die UN-Resulution, welche dieses Massaker als Völkermord anerkennen sollte, wurde durch Russlands Veto verhindert. Nun lassen 8000 Tote die Emotionen hoch kochen. Also begann die Recherche. Nach über 20 Jahren sollte es doch etwas handfestes geben. Nun ja, ich stieß auf Material, aber anders als ich es erwartete. Ich stieß auf diesen Artikel aus dem Jahre 1999, in dem es um Untersuchungen des Haager Tribunals zu Giftgaseinsätzen in Srebrenica geht. Das interessierte mich an dieser Stelle plötzlich mehr, als das Massaker. Denn Giftgas spielt aktuell in Syrien eine große Rolle.

Gleich im ersten Absatz wird geschrieben:

„Wie aus diplomatischen Kreisen in Genf verlautet, stützt sie sich dabei auf einen Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) über das „bizarre Verhalten“ moslemischer Soldaten nach einem Granatwerferangriff.In Briefen an westeuropäische Botschafter bei der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag hat Frau Arbour nun zusätzliches Beweismaterial angefordert.“

Weiter gehts:

„…schrecklichen „Todesmarsch“ der zweiten Gruppe, der zwischen 12 000 und 15 000 Soldaten angehörten. Hay interviewte 35 Überlebende, darunter drei Ärzte.“

Die fortfolgend beschriebene Wirkung des Giftgases, lässt mich eher an übermäßigen Drogenkonsum glauben, als an einen militärischen Giftgaseinsatz gegen 12000 – 15000 Soldaten.

„Hauptmann Sahilovic: „Alle wirkten verrückt. Hinter mir marschierte Jurif Nukic, sonst ein sehr starker und klarsichtiger Ökonom. Auf einmal begann er wirr daherzuplappern … Er sprach mit Freunden, die längst tot waren. Dann verließ er unsere Kolonne und umarmte einen Baum, den er für seine Frau hielt. Er tat so, als wären seine Kinder da . . . Schließlich trennte er sich von dem Baum und rannte schreiend auf die Tschetniks (bosnische Serben, die Red.) zu.“

Aber, und dass fand ich richtig gut, am Ende des Artikels gab es sogar einen Link zu Bericht von HRW. Sehr gut, dachte ich mir, da wird doch was zu holen sein.
Zitat Ende 2. Abschnitt und Anfang 3. Abschnitt:

„The evidence, while suggestive of the use of a BZ-like compound, is incomplete. Hard evidence—in the form, for example, of chemical traces in the clothes of people who died during the march and whose bodies were exhumed subsequently—has remained elusive.
The reason we have been unable to prove the allegations may be that they are false. But a very plausible alternative explanation is…“

Weil ich nich glauben konnte, was ich hier lesen durfte und ich meine Englischkenntnisse nicht überbewerten wollte, habe ich frei zugängliche Übersetzungsprogramme bemüht.
Übersetzung: Der Beweis, der auf die Verwendung einer BZ-ähnlichen Verbindung hindeutet, ist unvollständig. Harte Beweise – in der Form, zum Beispiel von chemischen Spuren in der Kleidung von Menschen, die während des Marsches gestorben sind und deren Körper nachträglich exhumiert wurden – blieb schwer.
Der Grund, warum wir nicht in der Lage waren, die Vorwürfe zu beweisen, kann sein, dass sie falsch sind. Aber eine sehr plausible alternative Erklärung ist…

Bleiben wir bei HRW. Da gibt es diesen optisch ansprechenderen Artikel von HRW selbst.

„While the 54-page report, Chemical Warfare in Bosnia? The Strange Experiences of the Srebrenica Survivors, does not present conclusive proof substantiating the allegations, Human Rights Watch has documented the following:“

Warum wird dieser nichts beweisende 54 seitige Bericht veröffentlicht, der, wie die Veröffentlichenden selbst feststellen, keinen Beweis erbringt? Aber wenigstens geben sie es zu. Aber nur um jetzt nachzulegen:

In the summer of 1995, shortly after the fall of the United Nations-designated „safe area“ of Srebrenica, survivors emerged from a long trek to safety with accounts that they had been attacked during their flight with some type of chemical weapon, possibly an incapacitating agent called BZ. (This agent was originally developed by the United States in the 1960s but was never used). Their column had been attacked by Bosnian Serb forces commanded by Gen. Ratko Mladi.
Survivors gave consistent descriptions to Human Rights Watch of mortar shells that produced a „strange smoke“ of various colors which did not rise but spread out slowly. Following these attacks, some of the marchers—the numbers are unclear—began to hallucinate and behave in an irrational manner, with some even killing their friends or themselves. So far the behavior following these attacks has defied explanation, including by experts on war-related stress.
The army of the former Yugoslavia, the Yugoslav People’s Army (JNA), is known to have possessed incapacitating agents, including BZ, and to have developed doctrine and delivery systems for BZ. The situation that confronted the people fleeing Srebrenica matched the scenario for which the use of incapacitating chemical agents was prescribed in a JNA military manual.
The United States government apparently took the allegations seriously enough to conduct an investigation, reported to have taken place in late 1996 or early 1997. The results of this investigation have not been made public, but in late 1996 or early 1997 the U.S. intelligence community was reported to have information suggesting that chemical weapons may have been used in Srebrenica. The U.S. government’s refusal to release the findings may, according to a U.S. official interviewed by Human Rights Watch, be based on a belief that making this information public might hurt the international effort to effect peace in the former Yugoslavia.

Das ist der ultimative Beweis. Es gibt also ein Giftgas, welches die Wirkung aufweist, wie sie im obigen Welt-Artikel beschrieben ist. Ein solches wurde in den Vereinigten Staaten in den 1960er Jahren entwickelt, aber niemals eingesetzt. Zudem ist die Verwendung von chemischen Betäubungsmitteln im Militärhandbuch der Jugoslawischen Volksarmee beschrieben. Außerdem gab es eine Untersuchung, deren Ergebnis vom U.S. Geheimdienst nicht veröffentlicht wurde, die aber beweisen soll, dass chemische Waffen benutzt wurden sein könnten. Man wollte die Ergebnisse seitens der U.S. Regierung nicht veröffentlichen, weil diese den Friedensprozess in Jugoslawien gefährden könnte. Das sagte natürlich ein U.S. Offizieller in einem Human-Right-Watch-Interview.

Also fasse ich zusammen. Von 10.000 – 15.000 Menschen, die aus dem Raum Srebrenica flüchteten, wurden im Rahmen der Untersuchung 35 Überlebende interviewt. Diese berichteten über den Einsatz von Giftgas durch die Bosnischen Serben, welcher in der Untersuchung nicht nachgewiesen werden konnte. Aber es gibt einen von der USA entwickelten chemischen Stoff, der die beschriebene Wirkung aufweist. Und genau diese USA hat eine Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnis durch den Geheimdienst nicht veröffentlicht wird. Dieser nicht veröffentlichte Bericht beweist, dass chemische Stoffen eingesetzt wurden sein könnten. Von der Veröffentlichung wurde laut Darstellung eines U.S. Offiziellen abgesehen, weil eben durch die Veröffentlichung der Friedensprozess gefährdet werden könnte.
Der Friedensprozess endete übrigens 1999 mit dem Kosovo-Krieg.

Was soll ich nur von diesem Bericht halten?
Welche Farbe hatte doch gleich die Pille, die ich nehmen muss, um beruhigt in meiner Schale liegen zu können und an den Giftgaseinsatz der bosnischen Serben glauben zu können?

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